Wertpapierleihe: ETFs verleihen Aktien für Extrarendite
Definition
Bei der Wertpapierleihe überlässt ein Wertpapierhalter (z.B. ein ETF) einem Entleiher (z.B. Leerverkäufer) zeitweise seine Wertpapiere gegen eine Leihgebühr — ETF-Anbieter nutzen dies zur Kostensenkung oder sogar zur Überrendite gegenüber dem Index.
Wertpapierleihe: Wie ETFs durch Securities Lending Geld verdienen
Die Wertpapierleihe (Securities Lending) ist eine wenig bekannte, aber wichtige Einnahmequelle für ETF-Anbieter — und ein zentrales Instrument im Ökosystem der Kapitalmärkte. Für ETF-Anleger hat sie direkte Auswirkungen auf die Kosten und das Risikoprofil ihres Investments.
Ablauf: Leihe, Sicherheiten, Rückgabe
Schritt 1 — Leihvereinbarung: Der ETF-Fonds (Verleiher/Lender) vereinbart mit einem institutionellen Entleiher (z.B. Hedgefonds, Market Maker) die zeitweise Überlassung von Wertpapieren.
Schritt 2 — Sicherheitsleistung: Der Entleiher hinterlegt Sicherheiten (Collateral) — typischerweise staatliche Anleihen oder andere hochliquide Wertpapiere. Die Sicherheiten übersteigen den Leihwert üblicherweise um 102–105 % (Overcollateralisation), um das Ausfallrisiko abzufedern.
Schritt 3 — Leihgebühr: Der Entleiher zahlt eine tägliche Leihgebühr (typischerweise 0,1–2 % p.a., bei begehrten Aktien auch mehr). Diese Einnahmen fließen je nach Anbieter vollständig oder teilweise an den ETF-Anleger.
Schritt 4 — Rückgabe: Nach Ablauf der Leihdauer gibt der Entleiher die Wertpapiere zurück und erhält seine Sicherheiten wieder.
Einnahmen aus Securities Lending bei ETFs
Große ETF-Anbieter wie iShares (BlackRock), Vanguard und Xtrackers nutzen die Wertpapierleihe aktiv:
- iShares: Leiheinnahmen werden zu 62,5 % an den Fonds und damit den Anleger weitergegeben
- Xtrackers: Je nach ETF zwischen 50–70 % an den Fonds
- Vanguard: Bis zu 100 % der Einnahmen fließen in den Fonds
Die Einnahmen können die laufenden Kosten (TER) teilweise kompensieren — manchmal sogar überkompensieren, was zu einer negativen Tracking-Differenz führt: Der ETF schlägt seinen Vergleichsindex.
Gegenparteirisiko und Sicherheiten
Das theoretische Risiko der Wertpapierleihe ist, dass der Entleiher ausfällt und die geliehenen Papiere nicht zurückgibt. Deshalb:
- Sicherheiten übersteigen den Leihwert um 102–105 %
- Sicherheiten werden täglich bewertet und angepasst (Mark-to-Market)
- UCITS-Regulierung begrenzt das Leihvolumen auf max. 100 % des Fondsvermögens
- In der Praxis werden meist nur 10–40 % der Fondspositionen gleichzeitig verliehen
Für UCITS-ETFs gilt: Im Ausfallfall greift der ETF auf die Sicherheiten zurück. Das Risiko für den Privatanleger ist damit sehr gering, aber nicht null.
ETF-Praxisbeispiel: iShares Core MSCI World
Der iShares Core MSCI World ETF (ISIN: IE00B4L5Y983) verleiht regelmäßig einen Teil seiner Positionen. Die Leiheinnahmen betragen typischerweise 0,01–0,03 % p.a. — ein kleiner, aber messbarer Beitrag zur Rendite. Die TER beträgt 0,20 %, die tatsächliche Tracking-Differenz liegt durch Leiheinnahmen oft darunter.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung dar. Informationen zur Wertpapierleihe finden sich im Prospekt und KIID (Key Investor Information Document) des jeweiligen ETFs.