Overconfidence Bias (Selbstüberschätzung)
Definition
Der Overconfidence Bias bezeichnet die systematische Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, des eigenen Wissens und der eigenen Prognosegenauigkeit beim Investieren. Selbstüberschätzung gilt als eine der häufigsten und kostspieligsten psychologischen Fallen für Anleger.
Was ist der Overconfidence Bias?
Overconfidence Bias (deutsch: Selbstüberschätzung) ist ein weit verbreiteter kognitiver Verzerrungseffekt: Menschen überschätzen systematisch die Genauigkeit ihrer Urteile, die Reichweite ihres Wissens und ihre Fähigkeit, Märkte zu prognostizieren.
An der Börse zeigt sich dies in drei Dimensionen:
- Overplacement: "Ich bin ein besserer Investor als der Durchschnitt" — obwohl das statistisch unmöglich für alle gelten kann
- Overprecision: "Ich bin mir sehr sicher, dass diese Aktie steigt" — ohne ausreichende Informationsbasis
- Overestimation: "Ich kann den Markt schlagen" — trotz gegenteiliger historischer Evidenz
Warum entsteht Selbstüberschätzung?
Erfolge werden intern attribuiert ("meine gute Analyse"), Misserfolge extern ("schlechtes Marktumfeld"). Dieses Self-Attribution Bias nährt kontinuierlich das Gefühl der eigenen Überlegenheit. Dazu kommt das Hindsight Bias: Im Rückblick scheinen vergangene Entwicklungen vorhersehbar — was das Gefühl verstärkt, man hätte es gewusst.
Folgen für das Investmentverhalten
Zu häufiges Handeln: Selbstüberschätzte Anleger handeln zu oft, weil sie glauben, ständig Opportunitäten zu erkennen. Barber und Odean (2001) zeigten in einer Studie mit 35.000 Brokerage-Konten: Männliche Anleger handelten 45 % häufiger als Frauen und erzielten im Schnitt 2,65 Prozentpunkte weniger Rendite pro Jahr.
Zu geringe Diversifikation: Wer überzeugt ist, die besten Aktien kennen, konzentriert sein Portfolio — und erhöht damit das Risiko unnötig.
Zu große Positionen: Selbstüberschätzung verleitet zu Positionsgrößen, die nicht zum tatsächlichen Risikobudget passen.
Unterschätzung der Volatilität: Anleger mit Overconfidence unterschätzen systematisch die Bandbreite möglicher Szenarien.
Empirische Befunde
Einer der robustesten Befunde der Behavioral Finance: Laut einer Studie von Svenson (1981) hielten sich 93 % der amerikanischen Autofahrer für überdurchschnittlich sicher — ein mathematisches Ding der Unmöglichkeit. Im Investmentkontext replizieren sich solche Befunde zuverlässig. Kyle und Wang (1997) zeigen theoretisch, dass Overconfidence in Märkten Preisverzerrungen und erhöhten Umsatz produziert.
Wie lässt sich Overconfidence reduzieren?
1. Prognose-Protokoll führen: Notieren Sie Ihre Kurserwartungen schriftlich und vergleichen Sie diese regelmäßig mit der Realität. Ehrliches Tracking zeigt die tatsächliche Trefferquote.
2. Basisraten beachten: Wie oft haben aktive Anleger den Markt geschlagen? Statistisch schlägt über 80 % der aktiven Fonds den Index langfristig nicht.
3. Externe Perspektiven einholen: Suchen Sie aktiv nach Widerspruch — nicht nach Bestätigung.
4. Positionsgrößen regulieren: Regelbasierte Positionsgrößen (z.B. max. 5 % pro Einzeltitel) schützen vor Überzeugungsrisiken.
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung dar. Investitionsentscheidungen sollten auf Basis individueller Risikobereitschaft und professioneller Beratung getroffen werden. Pflichtangabe gemäß § 34 WpHG.