Nearshoring (Verlagerung)
Definition
Nearshoring bezeichnet die Verlagerung von Produktions- oder Dienstleistungsprozessen in geografisch nahegelegene Länder – meist mit günstigeren Lohnkosten, aber kürzeren Lieferketten als beim klassischen Offshoring nach Asien. Der Trend verstärkt sich als Reaktion auf geopolitische Risiken, Pandemie-Lieferkettenkrisen und steigende Energiekosten.
Was ist Nearshoring?
Nearshoring ist die Verlagerung betrieblicher Funktionen – von der Fertigung über IT-Services bis hin zu Back-Office-Prozessen – in benachbarte oder zumindest regional nahe gelegene Länder. Im Unterschied zum klassischen Offshoring (z. B. Fertigung in China oder Vietnam) bleibt die Distanz gering, was kürzere Transportwege, ähnliche Zeitzonen und geringere kulturelle Barrieren ermöglicht.
Für europäische Unternehmen bedeutet Nearshoring typischerweise: Verlagerung nach Polen, Tschechien, Rumänien, Ungarn, Marokko oder in die Türkei. US-amerikanische Firmen setzen verstärkt auf Mexiko im Rahmen des sogenannten "Friendshoring" oder "Mexico First"-Strategien.
Treiber des Nearshoring-Trends
Mehrere Entwicklungen haben Nearshoring seit 2020 beschleunigt:
- COVID-19-Lieferkettenkrisen: Die Pandemie legte offen, wie anfällig global gestreckte Lieferketten – insbesondere aus Asien – für externe Schocks sind. Fehlende Halbleiter stoppten europäische Automobilwerke.
- US-China-Handelskonflikt: Hohe Zölle auf chinesische Waren zwingen US-Konzerne, Produktionsstandorte zu diversifizieren. Taiwan-Risiko und Technologie-Exportkontrollen verstärken den Druck.
- Russland-Ukraine-Krieg: Steigende Energiepreise in Europa erhöhten die Kostenvorteile entfernter Niedriglohnländer und beschleunigten die Diskussion über Versorgungssicherheit.
- ESG und CO₂-Bilanzen: Kurze Transportwege senken den Carbon Footprint der Lieferkette – ein zunehmendes Kriterium für institutionelle Investoren.
Nearshoring und Kapitalmarkt
Für Anleger bietet der Nearshoring-Trend eine Reihe von Investitionsthemen:
- Industrieimmobilien in Osteuropa: Logistikzentren und Fabrikflächen in Polen, Tschechien und Rumänien verzeichnen steigende Nachfrage und Mietpreise – relevant für europäische REIT-Investoren.
- Automatisierungstechnologie: Höhere Lohnkosten in Nearshoring-Ländern gegenüber China treiben die Nachfrage nach Industrierobotern (Kuka, Fanuc, ABB).
- Infrastruktur-Investitionen: EU-Fördermittel (Kohäsionsfonds, EFSI) fließen verstärkt in Nearshoring-Destinationen, was den Immobilien- und Bausektor in Osteuropa befeuert.
- Mexiko als Gewinner: Ausländische Direktinvestitionen (FDI) in Mexiko erreichten 2023 Rekordhöhen – relevant für Schwellenländer-Fonds mit Lateinamerika-Exposure.
Grenzen und Herausforderungen
Nearshoring ist kein Allheilmittel. Fachkräftemangel in osteuropäischen Industrieregionen, höhere Lohninflation als in Fernost und politische Risiken (z. B. Ungarn, Türkei) können die erwarteten Kostenvorteile begrenzen. Zudem erfordert die Verlagerung erhebliche Anfangsinvestitionen und Management-Kapazitäten.
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Investitionsentscheidungen sollten auf Basis individueller Beratung getroffen werden. Gem. § 34 WpHG weisen wir darauf hin, dass der Autor keine Positionen in den genannten Wertpapieren hält.